Der wilde Mustang wusste, dass es hier ums Ganze ging.
Sein ganzer Körper war angespannt, die Nüstern aufgebläht und die Augen
unruhig. Sein Schweif zuckte. Mit seinem Verhalten gegenüber den fremden
Männern entschied er, mit wem er die nächsten Jahre verbringen würde. Seine
Freiheit hatte er bereits verloren, als man ihn von seiner Herde trennte und
mit einem Lasso einfing, um ihn hierher in dieses Gefängnis zu bringen. Aber
nicht nur er, sondern auch diese Männer, die im Kreis um ihn herum standen,
waren Gefangene. Sie bekamen die Chance an einem Resozialisierungsprogramm der „Honer
Farm“ in Wyoming für Häftlinge teilzunehmen. Er hasste gewalttätige Männer und
wollte auf keinen Fall von einem gezähmt werden. Dass er gezähmt werden würde,
war unausweichlich, aber er konnte bestimmen, von wem. Und schließlich war es
ja auch so, dass nicht nur er gezähmt werden würde. Sie würden sich gegenseitig
zähmen und mehr voneinander lernen, als sie es je für möglich hielten. Am Ende
würden beide diesen Ort hier verlassen und eine andere Form der Freiheit
finden, vielleicht gemeinsam. Aber noch war es nicht soweit und jetzt musste er
mit seinem Verhalten dem Wärter, Mike Buchanan, der dieses Programm leitete,
zeigen, wem er sein Vertrauen schenken würde, und wem nicht. Mike würde sein
Verhalten verstehen und die gewalttätigen Männer nicht in das Programm
aufnehmen, das wilde Mustangs zähmte, um sie anschließend auf einer Auktion zu
verkaufen. Er wendete sich von den Männern, die auf rohe Gewalt geeicht waren,
ab und schritt ganz langsam auf den Häftling zu, der etwas verunsichert rechts
vom Eingang der Koppel stand. Er hatte seine Wahl getroffen.
Woher nur hatte der Hengst gewusst,
wer der Richtige ist? Er
hat sich auf seinen Instinkt verlassen und sich nicht von den Äußerlichkeiten,
wie einem Lächeln, täuschen lassen. Er hat auf die Ausstrahlung der Männer
reagiert, ihre Körperhaltung beobachtet. Tieren kann man nichts vormachen – sie
sehen, wer du wirklich bist und handeln dementsprechend.
Deswegen
lieben viele Menschen und vor allem Kinder Tiere so. Weil sie so unmittelbar
sind. Wenn ein Tier knurrt, ist es meist sinnvoll, einen genügenden Abstand
zwischen sich und dem Knurrenden zu bringen. Weicht ein Tier zurück, ist Angst
der Auslöser und eine schnurrende Katze bedarf wohl keiner weiteren Erklärung.
Gefletschte Zähne lösen bei Zweibeinern meist zu Recht eine instinktive
Reaktion von Flucht aus. Was wiederum bei dem Zähne fletschenden Wesen schon
mal den Jagd-Instinkt auslöst. Und schon hat das Räuber-Beute-Spiel begonnen.
Quissys Tipp
Nehmt euch etwas Zeit, die Tiere mit denen ihr zusammen lebt, aber auch alle Freigeister, wie Vögel, Eichhörnchen, Füchse oder die Rehe im Wald zu beobachten. Spielen ist ein tolles Thema, weil die meisten von uns ihre Instinkte dabei trainieren können. Wir lernen spielend, so wie die Menschenkinder. Also, spielt mal für zehn Minuten mit einem Tier, vorausgesetzt, es hat auch Lust dazu.
Alles Liebe
Nicole Gangloff
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