Sonntag, 16. Februar 2014

WILD HORSES

Der wilde Mustang wusste, dass es hier ums Ganze ging. Sein ganzer Körper war angespannt, die Nüstern aufgebläht und die Augen unruhig. Sein Schweif zuckte. Mit seinem Verhalten gegenüber den fremden Männern entschied er, mit wem er die nächsten Jahre verbringen würde. Seine Freiheit hatte er bereits verloren, als man ihn von seiner Herde trennte und mit einem Lasso einfing, um ihn hierher in dieses Gefängnis zu bringen. Aber nicht nur er, sondern auch diese Männer, die im Kreis um ihn herum standen, waren Gefangene. Sie bekamen die Chance an einem Resozialisierungsprogramm der „Honer Farm“ in Wyoming für Häftlinge teilzunehmen. Er hasste gewalttätige Männer und wollte auf keinen Fall von einem gezähmt werden. Dass er gezähmt werden würde, war unausweichlich, aber er konnte bestimmen, von wem. Und schließlich war es ja auch so, dass nicht nur er gezähmt werden würde. Sie würden sich gegenseitig zähmen und mehr voneinander lernen, als sie es je für möglich hielten. Am Ende würden beide diesen Ort hier verlassen und eine andere Form der Freiheit finden, vielleicht gemeinsam. Aber noch war es nicht soweit und jetzt musste er mit seinem Verhalten dem Wärter, Mike Buchanan, der dieses Programm leitete, zeigen, wem er sein Vertrauen schenken würde, und wem nicht. Mike würde sein Verhalten verstehen und die gewalttätigen Männer nicht in das Programm aufnehmen, das wilde Mustangs zähmte, um sie anschließend auf einer Auktion zu verkaufen. Er wendete sich von den Männern, die auf rohe Gewalt geeicht waren, ab und schritt ganz langsam auf den Häftling zu, der etwas verunsichert rechts vom Eingang der Koppel stand. Er hatte seine Wahl getroffen.

Woher nur hatte der Hengst gewusst, wer der Richtige ist? Er hat sich auf seinen Instinkt verlassen und sich nicht von den Äußerlichkeiten, wie einem Lächeln, täuschen lassen. Er hat auf die Ausstrahlung der Männer reagiert, ihre Körperhaltung beobachtet. Tieren kann man nichts vormachen – sie sehen, wer du wirklich bist und handeln dementsprechend.
Deswegen lieben viele Menschen und vor allem Kinder Tiere so. Weil sie so unmittelbar sind. Wenn ein Tier knurrt, ist es meist sinnvoll, einen genügenden Abstand zwischen sich und dem Knurrenden zu bringen. Weicht ein Tier zurück, ist Angst der Auslöser und eine schnurrende Katze bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Gefletschte Zähne lösen bei Zweibeinern meist zu Recht eine instinktive Reaktion von Flucht aus. Was wiederum bei dem Zähne fletschenden Wesen schon mal den Jagd-Instinkt auslöst. Und schon hat das Räuber-Beute-Spiel begonnen.


Quissys Tipp
 
Nehmt euch etwas Zeit, die Tiere mit denen ihr zusammen lebt, aber auch alle Freigeister, wie Vögel, Eichhörnchen, Füchse oder die Rehe im Wald zu beobachten. Spielen ist ein tolles Thema, weil die meisten von uns ihre Instinkte dabei trainieren können. Wir lernen spielend, so wie die Menschenkinder. Also, spielt mal für zehn Minuten mit einem Tier, vorausgesetzt, es hat auch Lust dazu.

Alles Liebe

Nicole Gangloff

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