Ich will euch
von einigen besonderen Tieren erzählen, die üblicherweise eher ein
Opfer-Beute-Verhältnis pflegen. Dort, wo sonst klare Räuber-Jäger-Muster
herrschen, kann unerwartet Mitgefühl das Miteinander prägen. Da gab es zum
Beispiel einen kleinen grauhaarigen Hund, der blind und taub war. Er trottete
durch die Gegend, manchmal drehte er sich im Kreis und änderte jedes Mal die
Laufrichtung, wenn er mit einem Körperteil an einen Gegenstand in seiner
Umgebung stieß. Dort, wo er lebte, gab es auch jede Menge Katzen und eine, eine
grau-getigerte, hielt sich sehr oft in der Nähe des kleinen, gehandikapten
Hundes auf. Es wäre ein Kinderspiel für sie gewesen, den kleinen Kerl zu ärgern
und an der Nase herumzuführen. Sie tat allerdings etwas vollkommen anderes. Sie
nahm Körperkontakt auf, indem sei an seiner Seite entlang streifte und ihn auf
diese Weise in eine bestimmte Richtung dirigierte. Sie überschüttete ihn
förmlich mit ihren Zärtlichkeiten und hatte offensichtlich ein Herz für ihn.
Die beiden waren ein Herz und eine Seele und verbrachten die Tage miteinander.
Könnt ihr
euch vorstellen, dass ein bengalischer Tiger und ein kleiner Hund die besten
Freunde waren? Nein? Na, dann lest die folgende Begebenheit. Im Jahr 1806
berichteten die Besucher der kaiserlichen Menagerie in Schönbrunn über einen
bengalischen Tiger: „(Er wird)
normalerweise mit Schlachtfleisch gefüttert, aber wenn er seine Krankheit hat
(eine Art Augenentzündung), gibt man ihm lebende Jungtiere, deren warmes Blut
heilend wirkt. Vor ein paar Wochen warf man ihm einen jungen Metzgerhund hin.
Als der Hund sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, näherte er sich dem
Tiger und leckte ihm die Augen, was dem Tiger so wohl tat, dass er seine Gier
nach frischem Fleisch vergaß und den Hund nicht nur verschonte, sondern ihn aus
Dankbarkeit zärtlich liebkoste. Seit diesem Moment leben die Tiere zusammen,
und der Tigert wartet stets, bis sein Gefährte sich an den besten Bissen gelabt
hat, ehe er seine Nahrung anrührt.“
Wer hätte das
gedacht?
Aber Tiere
sind nicht immer nur mitfühlend und sanft unterwegs. Auch Aggressionen und Wut
sind grundlegende Emotionen, die in unserem reich ihren gebührenden Platz
haben. Normalerweise pflegen viele von uns bestimmte Rituale, um blutige
Auseinandersetzungen zu verhindern, Affen zum Beispiel. Bei denen tötete eine
Gruppe ein Mitglied des Stammes ohne erfindlichen Grund. Eine Affen-Schande,
sage ich da nur. Nicht nur bei Wölfen gibt es im Rudel einen so genannten
Sündenbock, um Frustrationen und Aggressionen abzubauen. De muss dann für
alles, was nicht glatt läuft, herhalten. Nicht wahnsinnig beliebt, der Job,
aber notwendig, um das Gefüge in Ordnung zu halten.
In
Deutschland, in der Eifel, gibt es einen Wolfs-und Adlerpark, in dem ein Rudel
Wölfe lebt. Die ehemalige „Alpha“-Wölfin, die als einziges weibliches Tier im
Rudel Nachwuchs bekommt und mit ihrem Gefährten, dem „Alpha“-Wolf das Rudel
anführt, hat mittlerweile die Position der „Gamma“-Wölfin eingenommen. Neben
ihrem Kindergärtnerinnen-Job bezieht sie jede Menge Prügel. So kann es gehen –
vom Top-Wolf zum Under-dog.
Bei
Herdentieren gibt es genau festgelegte Rangordnungen, die dazu dienen, die
meisten Konfliktsituationen zu lösen. Sperrt man Herdentiere, wie Rinder, ab
einer gewissen Größe in einen Pferch, greifen die dominanten Bullen ohne
Unterlass die jungen und schwachen Tiere an. Wenn solche Tiere eingesperrt
werden, haben sie keinerlei Möglichkeiten, eine gesunde Rangfolge herzustellen,
die ein friedliches Zusammenleben gewährleistet und die Balance gerät außer
Kontrolle.
Auch bei euch
gerät so manches aus der Balance, wenn ihr eure Gefühle nicht wahrnehmt und sie
nicht in dem Augenblick ausdrückt, in dem sie entstehen. Manchmal lächelt ihr
und habt dabei die Faust in der Hosentasche geballt. Oft seid ihr so nett, sagt
ja, obwohl ihr nein meint und verheddert euch im Gefühls-Chaos. Das ist
ziemlich verwirrend, finde ich. Aber wahrscheinlich ist es das für euch auch,
nicht wahr? Alles wäre sehr viel einfacher, wenn ihr eure Emotionen sofort
ausdrücken würdet. Lacht, wenn ihr euch freut, weint, wenn ihr traurig seid und
sagt, wenn etwas euch geärgert hat.
Aber es gibt
noch etwas sehr Wichtiges, was euch eure Emotionen mitteilen; ihr könnt an
ihnen erkennen, wie sehr ihr in Harmonie mit euch selbst seid. Sie sind ein
zuverlässiges Instrument. Nehmt mal an, es geht euch richtig schlecht – ihr hockt
die ganze Zeit in eurer Hütte, habt keine Arbeit, die Freunde haben schon lange
nichts mehr von sich hören lassen, und der Fernseher ist die einzige
Möglichkeit für euch, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Ziemlich
trostlos, oder? Bei euch nennt man einen solchen Zustand auch Depression – da bewegt
sich wirklich rein gar nichts mehr in euch. Ihr habt aufgegeben und die
Hoffnung scheint so unerreichbar wie ein Dinner mit George Clooney. Du bist
wirklich am untersten Ende der Gefühls-Skala angekommen. Hört sich schlimm an,
ist aber in anderer Hinsicht eine gute Nachricht – weiter nach unten geht es
nicht mehr.
Alles Liebe
Nicole & Quissy

